Nein, Ihr habt kein Déjà -vu, der folgende Beitrag steht tatsächlich so auch im
Forum von alex-degenhardt.de. Doch da wir in diesem Blog ja auch Leser begrüßen dürfen, die nicht von ad.de direkt kommen, sondern aus anderen Blogs und via Google, halte ich es für angemessen, den Beitrag über den “Verfall der Sitten in der Netzkultur” den ich am 21. Juni 2005 geschrieben habe, auch hier noch einmal zu zeigen.
Gerade die kleine
Anekdote mit dem Newsletter zeigt ja, daß das Thema noch immer brandaktuell ist:
Verfall der Sitten in der Netzkultur
Seit ca. 1991 bin ich im Internet aktiv – angefangen im Rechenzentrum der Uni Oldenburg, über mein erstes 14.4er Analog-Modem, ISDN und DSL. In dieser Zeit habe ich einiges an Erfahrungen im Internet, dem World-Wide-Web, Mailboxen, in Chaträumen, Foren und im eMailverkehr sammeln können. Trends kamen und gingen – das Netz veränderte sich – einige wenige erreichten ihre 5 Minuten Weltruhm, andere machten sich auf längere Sicht einen Namen, Suchmaschinen, private Webseiten, Firmenpräsenzen kamen und gingen, hinterließen Spuren, oder auch nicht...
Manches war gut, manches nicht, manches machte Sinn, manches nicht. Jedoch gibt es eine Sache, die ich in all den Jahren skeptisch beäugt habe und die mich wirklich ganz massiv stört – ich möchte es als den „Verfall der Sitten in der Netzkultur“ bezeichnen.
Diesen Trend verfolge ich wirklich mit sehr großer Skepsis und vor allem beunruhigt mich, daß sich das Problem zunehmends ausweitet.
Worum es im Einzelnen geht:
Wenn ich mir im Internet Texte auf Webseiten, Postings in Foren, Äußerungen in Chaträumen oder auch nur meinen Posteingang (eMail) ansehe, stelle ich fest, daß sich offensichtlich immer mehr Menschen keinerlei Gedanken mehr über Rechtschreibung, Umgangsformen und Höflichkeit machen. Groß-/Kleinschreibung ist passé, Zeichensetzung gibt es nicht mehr – wenn überhaupt dann nur Ansammlungen von mindestens 3 „!“ oder „?“ – Satzstrukturen und Rechtschreibfehler werden nach dem Tippen und vor dem Absenden nicht mehr überprüft – teilweise die Inhalte auch nicht (so kommt es mir jedenfalls vor...).
Immer häufiger finden auch Slang und Dialekte Einzug in Texte, wobei sich mir immer weniger erschließt, ob derjenige, der so tippt, überhaupt in der Lage ist, sich noch anders mitzuteilen.
Um das noch klarzustellen: Ich spreche dabei nicht Menschen mit Rechtschreibschwächen oder Legastheniker an, sondern diejenigen, die einfach zu faul sind, ihre Texte nach dem Erstellen noch einmal zu überprüfen. Auch bin ich mir sicher, daß sich in diesem Text von mir noch einiges an Rechtschreibfehlern finden wird, jedoch versuche ich diese zu minimieren, weil ich mir vor dem Absenden den Text noch einmal genau durchlese und unter anderem auch noch auf inhaltliche Fehler, ungeschickte Formulierungen und Formatierung (Absätze) achte. Dieser Mehraufwand ist es mir wert, denn ich weiß, daß ich damit die Lesbarkeit drastisch erhöhen kann.
Wer möchte, kann mein Posting dennoch gerne analysieren, auseinandernehmen und zerpflücken und anschließend alle gefundenen Rechtschreibfehler auflisten. (und behalten...)
Ein gewisses Verständnis dafür kann ich bedingt noch innerhalb eines Chats mitbringen, da es dort ja auch darum geht, möglichst schnell zu tippen – daß dabei Satzzeichen und Großbuchstaben gerade von ungeübten „Tippern“ unter den Tisch fallen, ist durchaus nachvollziehbar, jedoch leidet die Lesbarkeit darunter dennoch massiv. Manchmal muß ich Texte mehrfach lesen, bzw. nachfragen, damit sich mir der Sinn überhaupt erschließt.
Das Kommunizieren in einem Chat ist naturgemäß eine relativ unpersönliche, anonyme Sache und das einzige Mittel zum Ausdruck ist das, was man dort schreibt. Eine Person in einem Chatraum definiert sich für seine Mitchatter anhand dessen, was er schreibt und wie er es schreibt. Insofern ist es mir persönlich sehr wichtig, auf einigermaßen korrektes Deutsch und vernünftige Rechtschreibung zu achten, denn viel mehr (abgesehen von den eigentlichen Inhalten) hat mein Gegenüber nicht, um sich ein Bild von mir zu machen.
Aber wie gesagt, das Problem ist ja nicht nur in Chaträumen präsent, sondern ebenfalls auf Webseiten, Foren und in eMails. Und hier spielt der Zeitfaktor nur einen untergeordnete Rolle, denn hier muß nicht in „Echtzeit“ geantwortet werden.
Hier fällt mir auf, daß in Foren und eMails oftmals einfach direkt losgeschrieben wird, ohne eingangs einen kleinen Gruß zu schreiben, sich am Ende zu verabschieden oder Wörter wie „bitte“ bzw. ein Dankeschön zu verwenden. Für mich ist es selbstverständlich, daß wenn ich an jemanden eine e-Mail mit einer Frage schreibe, ich anschließend, wenn mir geholfen wurde, auch eine Antwort schreibe und mich für die Hilfe bedanke.
Als Webmaster bzw. Forenadmin (und nun auch Blogger) erreichen mich täglich mehrere Mails, in denen gelegentlich Fragen gestellt werden und ich versuche diese, wenn sie einigermaßen höflich formuliert sind, auch im Rahmen meiner Möglichkeiten zu beantworten. Allerdings hat ein Dankeschön (auf eine Antwort von mir) dann doch eher Seltenheitswert.
Was mich an einigen eMails stört, nochmal stichpunktartig zusammengetragen:
- Kein Betreff oder so aussagekräftige Topics wie „Hallo“, die ein späteres Auffinden fast unmöglich machen
- Keine direkte Anrede, keine Begrüßung
- Keine Überprüfung der Rechtschreibung, Grammatik und der Inhalte
- Keinen Gruß am Ende, kein Dankeschön
- Keine Groß-/Kleinschreibung
- Keine Zeichensetzung (oder inflationäre Verwendung von „?“ und „!“ in Ketten)
- Kein Name/Nick
- Keine Antwortmail, wenn geholfen wurde
Daß ich als Webmaster von ad.de gelegentlich eMails mit Autogrammwünschen und ähnlichen Anfragen bekomme, die mit „Hallo Wolke“ oder „Sehr geehrte Frau Hegenbarth/Degenhardt (!)“ beginnen, spielt hierbei nur am Rande eine Rolle und soll nicht weiter thematisiert werden
Desweiteren scheint ein signifikant hoher Anteil der Bevölkerung der Meinung zu sein, daß es nach Einführung der neuen Rechtschreibung überhaupt kein „ß“ mehr gibt. Aus „daß“ wird „dass“ (korrekt), manchmal auch „das“ (falsch) – aber auch alle weiteren Wörter werden pauschal mit „ss“ geschrieben – was sicherlich den Lesefluß nicht unbedingt stört, teilweise aber den Sinn verändern kann.
Wie dem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein dürfte, schreibe ich ja auch noch nach den Regeln der alten Rechtschreibung, was teilweise auch daran liegt, daß ich nicht nachvollziehen kann, warum man Regeln verändert hat, die letztendlich zu keiner Erleichterung oder Reduzierung geführt haben, sondern nur zu einer zunehmenden Verunsicherung. Aber auch das ist ein Thema für sich.
Mich würde auf jeden Fall interessieren, wie Ihr darüber denkt und was Ihr für Erfahrungen in dem Bereich gemacht habt.
Vielen Dank an alle, die sich durch meinen „Roman“ durchgekämpft haben!
Liebe Grüße,
Martin (aka Krys)
P.S.: Wie gesagt – ich bin mir durchaus darüber im Klaren, daß ich nach den Regeln der alten Rechtschreibung schreibe und das werde ich auch weiterhin tun, solange man dafür nicht ins Gefängnis muß.
Und die direkte Anrede in Forenpostings oder eMails werde ich auch weiterhin groß schreiben – auch, wenn man das jetzt nicht einmal mehr bei Briefen so macht. In diesen Dingen bin ich vermutlich etwas konservativ.
Quelle:
www.alex-degenhardt.de/forum/viewtopic.php?t=578
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